Der Wind ist da, die riesige Anlage längst fertig. Aber der Windpark „Meerwind Süd“ vor Helgoland liefert keinen Strom. Im Gegenteil: Er produziert mächtig Abgase. Der Grund dafür ist banal.
Die Kameras sind gezückt, als die ersten weißen Riesen am Horizont auftauchen. Begeistert fotografieren die Touristen an Bord des „Halunder Jets“ den gigantischen Windkraftpark vor Helgoland. Dabei trotzen sie dem hohen Wellengang der Nordsee auf dem kräftig schaukelnden Schiff, um den besten Schnappschuss von „Alexander“ oder „Leon“ zu bekommen. So heißen nicht etwa die Passagiere an Bord. Sondern das Unternehmen WindMW hat seine Windräder so getauft.
Herrlicher Sonnenschein, herrliche Schnappschüsse – es könnte alles so schön sein. Wäre da nicht dieser Stillstand. Alexander, Leon und Co. bewegen sich an diesem Tag kein Stück und sie werden es auch bei den nächsten Touren nicht tun. Der Wind ist da, allein der Anschluss fehlt. Dabei ist der 80 Turbinen starke Windpark laut WindMW bereits seit April fertig. Wann endlich die so erzeugte Energie auch bei den 360.000 Haushalten auf dem Festland ankommt, steht in den Sternen.
Dadurch bekommt die als Promotiontour für die Windtechnologie geplante Veranstaltung einen faden Beigeschmack, der den Organisatoren am wenigsten schmeckt. „Wir haben keine direkten Kunden, die wir so werben könnten. Wir machen diese Fahrten nur, um die Akzeptanz zu erhöhen und den Leuten das Thema Offshore näherzubringen. Den Stillstand Besuchern vor Augen führen – das ist keine Werbung“, gibt Kurt Schulze zu.
Der Architekt, der bei WindMW Leiter für das Projekt Helgoland ist, ist selbst bei den Fahrten an Bord. In Zusammenarbeit mit der Fährlinie „Helgoline“ ging es bislang dreimal auf die Nordsee hinaus. Jedes Mal musste Schulze den Fahrgästen erläutern, dass der Park fertig ist, aber seinen Beitrag zur Energiewende nicht leisten kann. Auch diesmal steht er an Bord und versucht, das heikle Thema vorsichtig zu umschiffen. Er erläutert während seines Vortrags auf der etwa 1,5-stündigen Fahrt die Rahmendaten des Projekts. Größe, Höhe und Schwere der Anlagen. Dann kommt der Knackpunkt. „Wir hatten auf eine Fertigstellung Ende 2013 gehofft“, so Schulze. Das Wetter spielte nicht mit und so stand die letzte der insgesamt 80 Turbinen erst Anfang April. Gleichzeitig wurde die Installation der 3500 Tonnen schweren Offshore-Umspannstation abgeschlossen. „Jetzt fehlt noch der letzte Schritt, der Netzanschluss durch den Betreiber Tennet, der im Sommer erfolgen soll.“ Was Schulze nicht sagt: dass es massive Probleme bei der Installation der nötigen Umspannwerke gibt und nicht klar ist, wann sie behoben sein werden. Er sagt nicht, dass jeder Tag, den die Räder stillstehen, Geld kostet. 1,2 Milliarden Euro investiert WindMW, bislang wurde kein Geld verdient. Im Gegenteil. Tennet zahlt drauf und das Unternehmen WindMW auch, das laut eigenen Angaben von Tennet Entschädigungsleistungen erhält – allerdings nur 90 Prozent der Kosten. Wie hoch die Summe genau ist, dazu will man sich bei WindMW nicht äußern. Verzögerung kostet Arbeitsplätze und produziert Abgase Klar ist auch, dass jeder Tag, an dem sich nichts bewegt, die Energiewende zurückwirft. „Es sind schon einige Projekte auf Eis gelegt worden. Die Auswirkungen können wir in Bremerhaven beobachten“, sagt Schulze vom Unternehmen WindMW, das seinen Sitz in Bremerhaven hat. Zulieferfirmen hätten bereits auf Kurzarbeit umstellen müssen. Hinzu kommt, dass der Offshorepark vor Helgoland nicht nur keinen Ökostrom erzeugt, sondern Dieselöl verbraucht und somit Abgase produziert.

Das Problem: Die Räder dürfen nicht stillstehen. Das Salzwasser setzt den Turbinen zu, die innerhalb eines Jahres kaputtgehen würden, wenn sie nicht betrieben werden. Deshalb werden sie mit Dieselstrom bewegt. Ein sensibles Thema, über das Schulze nicht detailliert sprechen möchte. Er sagt nur: Natürlich hätte man Maßnahmen treffen müssen, um die Motoren am Leben zu erhalten. Zum Vergleich: Auch im Windpark „Riffgat“ in Norddeich standen die Räder still. Um die dort errichteten 30 Windräder aus Schutz vor Korrosion und Überhitzung sporadisch anzutreiben, waren bis zum Netzanschluss im Februar pro Monat 22. 000 Liter Treibstoff nötig.