Weschnitztal/Region. Immer wieder liest man, dass gerade Rotmilane Opfer von Windkraftanlagen werden. Schlagopfer nennt man es in der Fachsprache, wenn ein Vogel in die Rotorblätter gerät und dadurch den Tod findet. In einem Gespräch mit unserer Zeitung erläutert der Mörlenbacher Christoph Böhmer (Bild), beim Naturschutzbund Kreis Bergstraße der regionale Projektleiter für die Kartierung der Rotmilane, warum der Schutz dieser Greifvögel bedeutend ist, die seit 2002 auf der Vorwarnstufe der Roten Liste gefährdeter Brutvögel in Deutschland stehen.



Warum sind gerade Rotmilane durch Windkraftanlagen gefährdet?


Böhmer: Das relativ häufige Zusammenstoßen mit Windrädern steht mit dem Jagdverhalten und den bevorzugten Jagdrevieren der Rotmilane in Zusammenhang. Der Rotmilan jagt im niedrigen Suchflug vorzugsweise nach Kleinsäugern und Reptilien, die Flughöhe deckt sich dabei mit dem Schlagfeld der Rotorblätter. Zusätzlich wird die Blattspitzengeschwindigkeit der Rotorblätter mit bis zu 300 Stundenkilometern von den Tieren einfach unterschätzt.


Findet der Rotmilan seine Nahrung nicht auch in anderen Bereichen?


Böhmer: Natürlich, aber gerade die Schnittstellen der Übergangs- und Brachflächen am Fuß der Windräder und im Umfeld dazu stellen für den Milan attraktive Jagdzonen dar.


Laienhaft gefragt: Warum fliegt denn der Rotmilan nicht wie andere Vögel an diesen Anlagen vorbei?


Böhmer: Auch unter anderen Vogelarten sind natürlich Schlagopfer durch Windräder zu beklagen. Mehrere Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass der Rotmilan gegenüber Windkraftanlagen kein Meideverhalten zeigt, die Gefahr also nicht wahrnimmt und aufgrund der Beuteattraktivität der Freiflächenzonen im und um Windparks, gerade diese in Zeiten der Brutaufzucht vermehrt aufsucht.


Wie hoch schätzen Sie die Zahl der Opfer?


Böhmer: Die Zahl der Schlagopfer wird vom Informationsdienst Naturschutz Niedersachsen im Zeitraum 1995 bis 2009 mit bundesweit 128 angegeben. Dies beinhaltet aber nur die gefundenen Schlagopfer, die Dunkelziffer wird wesentlich höher liegen, da es keine flächendeckende Überwachung der Todesopfer gibt und ein Auffinden der Kadaver voraussetzt, dass diese nicht von Fuchs oder anderen Verwertern bereits gefressen oder entwendet wurden.


Welchen Einfluss hat das auf die Population?


Böhmer: Neben dem Primäreffekt kommt hinzu, dass es sich bei den Schlagopfern zu 90 Prozent um adulte Exemplare handelt, die somit für den Populationserhalt und die Reproduktion ausfallen.


Wie sieht Ihre Prognose für die Zukunft aus?


Böhmer: Insgesamt wird das Thema Gefährdung der Rotmilane durch Windkraftanlagen natürlich mit dem geplanten Zuwachs an Windparks in Zukunft deutlich zunehmen, wenngleich eine weitaus größere Zahl an Rotmilanopfern derzeit noch in den Winterquartieren Spanien und Frankreich oder auf dem Zugweg dorthin zu beklagen sind. Die illegale Jagd, und auch Vergiftungen sind hier die Schlagworte. Ein Artenschutzprogramm sollte also hier lokal bei uns ansetzen, muss aber langfristig ebenso länderübergreifend Gefährdungspotenzial mit einbeziehen.


Welche Stellung hat der Rotmilan im Vergleich zu anderen schützenswerten Arten?


Böhmer: Die herausragende Bedeutung dieses Vogels drängt sich insofern auf, als dass die Hälfte der gesamten Weltpopulation bei uns in Deutschland brütet. In der Avifauna gibt es hier keine zweite Vogelart, bei der wir eine ähnlich hohe Verantwortung tragen. Alles, was wir hier tun oder unterlassen, hat direkt Durchschlagskraft auf den Weltbestand.


Was können wir hier im Speziellen für den Rotmilan tun?


Böhmer: Alles, was wir im Hinblick auf die Nahrungsquellen positiv bewirken können, fördert den Rotmilan in seiner Reproduktionsdynamik. Konkret heißt das, je weniger Belastung durch Pestizide und im Besonderen Rodentiziden auf die Nahrungsquellen – und hier vornehmlich auf die Nagetiere wirkt – umso reicher stellt sich das Nahrungsangebot dar.


Mit der Ernährung alleine ist es aber sicher nicht getan?


Böhmer: Richtig, ein weiterer Aspekt ist die Erhaltung des Lebensraums und des Strukturreichtums. Und das Schöne dabei ist doch, dass wir nicht nur dem Rotmilan, sondern auch uns damit einen großen Gefallen tun.


Wie sieht der ideale Lebensraum dieser Vögel aus?


Böhmer: Zum Lebensraum des Rotmilans kann man sagen, dass er strukturierte, abwechslungsreiche Landschaften mit einem Mix aus Wiesen, Felder, Ackerland und Waldanteilen bevorzugt besiedelt. Großflächige Wälder und Monokulturen in der Landwirtschaft sind dabei weniger attraktiv für ihn.

Und in unserer Region?


Böhmer: Für unseren Landschaftsraum können wir den Bereich des vorderen und mittleren Odenwalds als idealtypisch für den Rotmilan ansehen. Hier erreichen wir Siedlungsdichten, die mit neun Brutpaaren deutlich über dem südhessischen Durchschnitt von vier Brutpaaren pro Messtischblatt liegen. Ein Messtischblatt entspricht etwa einer Fläche von 130 Quadratkilometern.


Sie haben gesagt, dass Waldgebiete unattraktiv sind. Gilt das generell?


Böhmer: Ja, zumindest in puncto Jagdgebiet für den Rotmilan. Zu den Waldgebieten kann man feststellen, dass Waldrandbereiche mit einem lichten Altbaumbestand auch zum Habitat zu zählen sind, die neben kleineren Waldinseln und Baumreihen als Brutstandorte für den Rotmilan infrage kommen. Eine weitere Beobachtung aus meiner Kartierungsarbeit lässt vermuten, dass auch durchaus dicht bewaldete Hanglagen aufgrund ihrer begünstigten Thermiksituation mit Aufwinden ebenfalls vom Rotmilan gerne aufgesucht werden, um Flughöhe zu gewinnen, wenn sie weitere Strecken zurücklegen wollen.


Gibt es auch dafür ein Beispiel aus der Region?


Böhmer: Exemplarisch ist beispielsweise der Höhenzug der Tromm zu nennen, der von den Greifvögeln im Weschnitztal aufgrund besagter Thermiksituation und häufiger Westwindlage gerne angeflogen wird. Das Gefährdungspotenzial durch Windkraftanlagen wird aber im Nahrungsgebiet, das im niedrigen Suchflug vom Rotmilan genutzt wird, natürlich höher ausfallen.


Was sollte also bei der Standortwahl für Windkraftanlagen aus Ihrer Sicht beachtet werden?


Böhmer: Letztlich sollte bei der Auswahl eine Einzelfallbetrachtung zum Tragen kommen, die auch auf lokale Erkenntnisse zurückgreift. Als Faustregel darf der Abstand einer Windkraftanlage zum nächsten Rotmilan-Horst 1000 Meter nicht unterschreiten. Dies wird auch bei den Gutachten zur Verträglichkeit der Bauvorhaben einer Windenergieanlage gegenüber dem Rotmilanschutz in Betracht gezogen.


Was empfehlen Sie den Entscheidungsträgern?


Böhmer: Es bleibt zu hoffen, dass den Verantwortlichen der Interessensabgleich gelingt. Der bundespolitische und auch gesellschaftspolitische Druck scheint derzeit hoch zu sein, Ergebnisse bei den alternativen Energiequellen zu liefern. Neben dem Anspruch regenerative Energien zu fördern, auf schutzbedürftige Tierarten wie den Rotmilan zu achten, gibt es aber noch die Bevölkerung vor Ort, die es mit ihren Interessen zu berücksichtigen und vor allem mitzunehmen gilt. Der Vertrauensvorschuss ist erstmal gegeben, dass unsere regionalen Entscheidungsträger umsichtig mit der heiklen Aufgabe umgehen werden. Schließlich haben alle ein Interesse daran, unseren privilegierten Standort im Zentrum des Geo-Naturpark Bergstraße Odenwald zu bewahren.

 


Interview: Christoph Böhmer, regionaler Projektleiter für die Kartierung beim Naturschutzbund Kreis Bergstraße, fordert bei Windenergieanlagen eine Einzelfallbetrachtung